Zum Inhalt springen

Wählen Sie ein anderes Anlegerprofil Um auf weitere Inhalte zuzugreifen, wählen Sie Ihr Anlegerprofil

Grünes Licht statt Widerstand: Rechenzentren werden intelligenter und umweltfreundlicher

Nachhaltigkeit 7 Min
Angesichts der Widerstände aus der lokalen Bevölkerung setzen Entwickler von Rechenzentren verstärkt auf effizientere Konzepte und Technologien. So wollen sie die physische Infrastruktur für KI ausbauen, ohne die umliegenden Gemeinden zu sehr zu belasten.

Der Ausbau der KI-Infrastruktur verspricht zahlreiche wirtschaftliche Vorteile, nicht zuletzt eine höhere Produktivität. Doch diese langfristigen Chancen werden zunehmend von den kurzfristigen Kosten des Ausbaus überlagert.

Rechenzentren sind das physische Fundament der KI und benötigen enorme Mengen an Wasser, Strom und Fläche. Ihr Bau stösst daher auf heftigen Widerstand in den Gemeinden, die befürchten, für die damit verbundenen Kosten aufkommen zu müssen.

In den USA, auf die gemessen an der Kapazität drei Viertel der weltweit im Bau befindlichen Rechenzentren entfallen, haben sich vereinzelte lokale Proteste inzwischen zu einer landesweiten Gegenbewegung entwickelt, die über politische Lager hinweg reicht. Von den weltweit im Bau befindlichen Kapazitäten (23,1 GW) entfallen 17 GW auf die USA. https://about.bnef.com/insights/data-centers/ai-data-center-build-advances-at-full-speed-five-things-to-know/

Im ersten Quartal 2026 wurden mehr als 20 Rechenzentrumsprojekte gestrichen – so viele wie noch nie innerhalb eines Quartals. Im gesamten Vorjahr sind 20 Projekte weggefallen, darunter die Anlage von Microsoft im US-Bundesstaat Wisconsin im Volumen von 3,3 Mrd. USD sowie das 30 Mrd. USD schwere Projekt von QTS in Indiana.

Parallel dazu haben zwölf Bundesstaaten Beschränkungen für neue Anlagen eingeführt. Andere erwägen gesetzliche Massnahmen, um die „Invasion“ durch Rechenzentren ganz zu stoppen.https://www.interconnectedcapital.com/research/data-center-moratoriums

Infolgedessen dürfte nur etwa die Hälfte der für die kommenden zwei Jahre geplanten Kapazitäten tatsächlich ans Netz gehen.https://www.goldmansachs.com/insights/articles/us-data-center-power-demand-projected-to-double-by-2027

Dieser rasche Stimmungsumschwung in der Bevölkerung zwingt Entwickler und Betreiber dazu, ihre Anlagen neu zu konzipieren und Technologien einzusetzen, die die Belastung lokaler Ressourcen verringern

Dazu gehören Mikrogrids, die die lokalen Versorgungsnetze entlasten, die Kombination erneuerbarer Energien mit Batteriespeichern zur Glättung von Lastspitzen sowie Wasserrecyclingsysteme, die die Konkurrenz um Wasser mit privaten Haushalten und der Landwirtschaft reduzieren.

Für Investoren eröffnet der Widerstand auch Chancen ausserhalb des Technologiesektors. Denn die Nachfrage nach Unternehmen, deren Lösungen Betreibern von Rechenzentren helfen, ihren ökologischen Fussabdruck zu verkleinern, die Akzeptanz in der Bevölkerung zu fördern und notwendige Genehmigungen zu erhalten, wächst.

„500 ml pro Antwort“

Der Widerstand der Bevölkerung gegen Industrieprojekte ist kein neues Phänomen. Viele dürften sich an Erin Brockovich erinnern, die Umweltaktivistin, die im gleichnamigen Film aus dem Jahr 2000 von Julia Roberts dargestellt wurde. Brockovich führte einen Rechtsstreit wegen der Verunreinigung des Wassers in Hinkley im US-Bundesstaat Kalifornien und erwirkte gegen einen grossen Energieversorger einen Vergleich über 333 Mio. USD – damals die höchste Vergleichszahlung dieser Art.

Drei Jahrzehnte später ist Brockovich wieder aktiv. Diesmal nimmt sie KI-Rechenzentren ins Visier.

Sie hat eine auf Beiträgen aus der Bevölkerung basierende Karte erstellt, mit der Gemeinden die schnelle und ressourcenintensive Ausbreitung von Rechenzentren in Echtzeit verfolgen können. Brockovich lehnt Rechenzentren nicht grundsätzlich ab. Ihre Bedenken gelten vielmehr der mangelnden Transparenz und den Umweltbelastungen im Zusammenhang mit der Genehmigung und dem Bau solcher Anlagen.

Branchenexperten zufolge ist der öffentliche Widerstand gegen den wachsenden Ressourcenverbrauch von Rechenzentren inzwischen das grösste Einzelrisiko für entsprechende Projekte in den USA. Für die Betreiber wird es damit zu einer wirtschaftlichen Priorität, einen Teil der 3,3 Bio. USD, die sie bis 2029 für KI-Investitionsprojekte vorgesehen haben, in intelligentere Konzepte und Technologien zu investieren, um die Umweltbelastung zu verringern und die Effizienz zu steigern.BNEF

Effizienzmassnahmen können die Belastung lokaler Ressourcen reduzieren. Das ist entscheidend, um die Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen und gleichzeitig weiteres Wachstum der Betreiber zu ermöglichen.

Besonders wichtig ist die Senkung des Wasserverbrauchs. Ein typisches Rechenzentrum benötigt täglich über 1.000 Kubikmeter Wasser zur Kühlung von Servern und anderen Geräten. Das entspricht ungefähr dem Verbrauch von 1.000 Haushalten. Bei grossen Anlagen kann der tägliche Wasserverbrauch auf knapp 20.000 Kubikmeter Wasser steigen – genug, um eine Stadt mit bis zu 50.000 Einwohnern zu versorgen.https://www.brookings.edu/articles/ai-data-centers-and-water/

Besorgniserregend ist, dass der Wasserbedarf in den kommenden Jahren voraussichtlich auf mehr als das Achtfache steigen wird. Immer mehr Anlagen gehen in Betrieb, und jede von ihnen benötigt immer mehr Rechenleistung, um mit der steigenden KI-Nachfrage Schritt zu halten.https://www.ceres.org/resources/reports/drained-by-data-the-cumulative-impact-of-data-centers-on-regional-water-stressEiner Studie zufolge „trinkt“ ein Modell wie ChatGPT rechnerisch eine 500-ml-Flasche Wasser je 10 bis 50 Antworten mittlerer Länge.https://arxiv.org/pdf/2304.03271

Erschwerend kommt hinzu, dass die Suche der Branche nach günstiger erneuerbarer Energie Rechenzentren zunehmend in sonnige, aber trockene Regionen wie Arizona und Texas führt. Dadurch entsteht ein schwieriger Zielkonflikt zwischen Wasserverbrauch und CO₂-Emissionen: Standorte mit einem grossen Angebot an erneuerbarer Energie können zwar dazu beitragen, die CO₂-Emissionen zu senken, verstärken zugleich aber den Druck auf ohnehin knappe lokale Wasservorräte. Mehr als 60% der über 800 geplanten Standorte in den USA sollen in von Dürre betroffenen Gebieten entstehen, in denen sich bereits heute zahlreiche Rechenzentren befinden.https://www.theguardian.com/us-news/2026/jun/08/datacenter-ai-drought-water

Um diese Risiken zu mindern, setzen Rechenzentren zunehmend auf effizientere Kühltechnologien, die bereits verfügbar sind. Eine Flüssigkeitskühlung beispielsweise ermöglicht es, höhere Wärmelasten zu bewältigen und die Anlagen rund um die Uhr zu betreiben. Rack-Verteilersysteme führen das Kühlmittel über eine zentrale Edelstahlleitung mit parallel angeordneten Anschlüssen und sorgen so für eine gleichmässige Kühlung.

Andere Betreiber nutzen aufbereitetes Abwasser und Regenwasser. Amazon beispielsweise hat die Nutzung von Recyclingwasser in seinen Rechenzentren von 24 auf 120 Standorte in den USA ausgeweitet. Nach Angaben des Unternehmens werden dadurch jährlich rund 2 Mio. Kubikmeter Wasser eingespart.

Bis 2030 will Amazon seine Rechenzentren „wasserpositiv“ betreiben. Die Wassernutzungseffizienz wurde bereits um 40% auf 0,15 Liter je Kilowattstunde IT-Last verbessert – weniger als die Hälfte des Branchendurchschnitts von 0,36 Litern je Kilowattstunde.https://sustainability.aboutamazon.com/stories/just-back-from-weftec-why-does-ai-use-water and https://escholarship.org/uc/item/32d6m0d1

Weitere Effizienzmassnahmen sind intelligente Rechenzentrumskonzepte, die sich mithilfe von KI-Chipbeschleunigern und stromsparenden Prozessoren laufend an die jeweilige Auslastung anpassen. Auch sie können dazu beitragen, die Belastung lokaler Ressourcen zu reduzieren. Das ist entscheidend, um die Unterstützung der Bevölkerung zu sichern und gleichzeitig weiteres Wachstum zu ermöglichen.

KI mit Energie versorgen, ohne das Stromnetz zu überlasten

Auch der Stromverbrauch stellt ein Problem dar. Weltweit ist der Stromverbrauch von Rechenzentren in den vergangenen fünf Jahren um jährlich 12% gestiegen. Bis 2030 dürfte er sich auf 945 Terawattstunden (TWh) verdoppeln.https://www.iea.org/reports/energy-and-ai/energy-demand-from-ai

Da KI den Ausbau leistungsstarker Server beschleunigt, werden die Belastungen für die Stromnetze zunehmend sichtbar.

In den USA hat sich der Stromverbrauch im Zusammenhang mit KI von 30 TWh im Jahr 2014 auf 100 TWh im Jahr 2023 mehr als verdreifacht.United States Data Center Energy Usage Report: 2025 Update, Lawrence Berkeley National LaboratoryGleichzeitig sind die Strompreise in den vergangenen fünf Jahren um 42% gestiegen und damit deutlich stärker als der Verbraucherpreisindex insgesamt, der um 29% zulegte.https://www.brookings.edu/articles/confronting-and-addressing-rising-energy-bills-linked-to-data-centers/

Da Energiekosten politisch besonders sensibel sind, führte US-Präsident Donald Trump im März 2026 den „Ratepayer Protection Pledge“ ein. Die Initiative soll Verbraucher vor steigenden Strompreisen schützen, indem Technologieunternehmen verpflichtet werden, die Kosten der Stromversorgung von KI-Rechenzentren selbst zu tragen.

Die Hälfte der US-Bundesstaaten hat bereits spezielle Tarifklassen für Grossverbraucher eingeführt, beschlossen oder gesetzlich verankert. Teilweise müssen Rechenzentren dabei den Ausbau der Infrastruktur finanzieren und nachweisen, dass daraus auch Vorteile für die Verbraucher entstehen.

Gleichzeitig nehmen Hyperscaler die Dinge selbst in die Hand und investieren in den Ausbau der Strominfrastruktur sowie in intelligente Energielösungen. Dazu zählen der Bau von Mikrogrids – lokalen Netzen, die Energie erzeugen, speichern und verteilen –, Hochspannungs-Umspannwerken sowie Übergangs- und schnell verfügbaren Stromversorgungslösungen wie Notstromgeneratoren und Brennstoffzellen.

Auch bei erneuerbaren Energien und Batteriespeichersystemen dürften die Investitionen zunehmen. Die Betreiber von Rechenzentren werden den Bezug von Ökostrom voraussichtlich deutlich ausweiten. Bereits im vergangenen Jahr entfiel mehr als die Hälfte aller Stromabnahmeverträge für saubere Energie auf Hyperscaler. 2025 beschafften sie gemeinsam eine Rekordmenge von 28 GW an sauberer Energie.

Trotz des wachsenden Widerstands deutet die derzeitige Projektpipeline in den USA auf einen erheblich grösseren Bestand an Rechenzentren hin. Würden sämtliche geplanten Projekte realisiert, wäre die Kapazität mehr als doppelt so hoch wie heute.https://cleanview.co/data-centers/us

Die stärkere öffentliche und regulatorische Kontrolle wird den Boom nicht stoppen. Sie dürfte jedoch die Kapitalallokation verändern und die Betreiber dazu zwingen, schneller in moderne Wasseraufbereitung und Kühlung, intelligentere Anlagenkonzepte, nachhaltige Energieversorgung und Netzinfrastruktur zu investieren.