Das Konzept der Resilienz, das heisst, wie gut eine Organisation oder ein Unternehmen für die Bewältigung von Extremereignissen gerüstet ist, gewinnt in Politik und Wissenschaft sowie in der Umweltdebatte zunehmend an Bedeutung. Doch die Unternehmen und ihre Aktionäre setzen dieses Konzept nur sehr langsam in ihrer Entscheidungsfindung um.
Wir vom Stockholm Resilience Centre definieren Resilienz als die Fähigkeit eines Systems – sei es ein Unternehmen oder ein Investmentportfolio –, Störungen standzuhalten, sich Druck anzupassen und sich weiterzuentwickeln.https://www.stockholmresilience.org/research/research-news/19.02.2015-what-is-resilience.html
Resilienz ist nicht einfach nur ein Modewort. In der heutigen volatilen Welt ist Resilienzdenken für die Geschäfts- und Finanzwelt von entscheidender Bedeutung, da es eine zukunftsorientierte Investmentperspektive bietet: eine Möglichkeit, die Volatilität zu bewerten, verborgene Verbindlichkeiten aufzudecken und Strategien zu ermitteln, die nachhaltigen Wert schaffen.
Resilienz stellt keinen Bilanzposten dar und fliesst auch nicht in ESG-Ratings ein. Resilienz bedeutet nicht zu fragen, wie „grün“ etwas auf dem Papier ist, vielmehr geht es darum zu beurteilen, wie gut sich das Unternehmen, die Abteilung oder die Investition in einer unbeständigen, unsicheren Welt bewähren wird.
Resilienz beschreibt den Unterschied zwischen einem Unternehmen, das Krisen übersteht, und einem, das daran zugrunde geht. Sie ist ausschlaggebend dafür, ob ein Portfolio auch dann noch Renditen abwirft, wenn durch Hitzewellen Rechenzentren lahmgelegt werden, Flughäfen wegen Überschwemmung geschlossen werden oder die Lieferketten durch Waldbrände unterbrochen werden.
Ein resilientes System widersteht Schocks, passt sich an und findet Wege, sich als Reaktion auf neue Bedingungen zu verändern. Für Unternehmen und ihre Investoren stellt sich eine grosse Frage: Wird dieser oder jener Vermögenswert in turbulenten Zeiten seinen Wert behalten oder verlieren?
Wie lässt sich Resilienz bewerten?
Sozioökologische Forscher haben eine Reihe von Grundsätzen für den Aufbau organisatorischer Resilienz ermittelt.https://www.resalliance.org/resilienceDaraus lässt sich folgender Rahmen ableiten, der Unternehmen und ihren Stakeholdern helfen kann, eine Resilienzperspektive einzunehmen und die Resilienz des Unternehmens oder Portfolios zu bewerten.
Diagramm zur Gefährdung durch Schocks: Klimagefahren sind nicht hypothetisch. Die Dürre in Europa im Jahr 2022 liess den Rhein austrocknen, sodass Binnenschiffe auf Grund liefen und die Exporte zum Erliegen kamen. Die diesjährigen Brände in Los Angeles zerstörten Millionen von Häusern und brachten den Versicherungssektor an seine Grenzen. Diese Ereignisse sind ein Vorbote dessen, was noch kommen wird. Hochauflösende Raumanalysen, die Klima- und Umweltprognosen mit Daten auf Ebene von Vermögenswerten kombinieren, können wesentliche Risiken für die Geschäftsleistung und Anlageperformance offenbaren.
Analyse verborgener Abhängigkeiten: Jedes Unternehmen ist auf kritische Systeme angewiesen – Wasser, Strom, Verkehr, Verwaltung. Eine Fabrik kann rentabel erscheinen, bis man feststellt, dass sie dadurch bedroht ist, dass der Grundwasserspiegel sinkt, der Datenknotenpunkt an ein überlastetes Netz angeschlossen ist und kein zollfreier Handel mehr möglich ist. Verborgene Abhängigkeiten sind oft nicht eingepreiste Verbindlichkeiten. Sie zu verstehen ist ebenso wichtig wie die Bewertung des Vermögenswerts selbst.
Verfolgung von sich langsam entwickelnden Umweltvariablen: Die Resilienz von Systemen wird durch allmähliche Veränderungen geprägt, die häufig ignoriert werden: Bodensenkung an den Küsten, Landflucht, die Ausbreitung invasiver Arten oder die Erosion der institutionellen Kapazität. Diese Veränderungen bleiben oft unbemerkt, bis ein unerwartetes oder ungewöhnliches Ereignis eintritt – wie die Waldbrände auf Maui im Jahr 2023, die einen Grossteil von Lahaina, der ehemaligen Hauptstadt des Königreichs Hawaii und einem wichtigen Tourismuszentrum, zerstörten. Die Überwachung dieser sich langsam entwickelnden Variablen erlaubt es, sich abzeichnende Schwellenwerte vorherzusagen, bevor diese grosse Verluste auslösen.
Wachsamkeit gegenüber Anzeichen von Instabilität: Bevor es zu abrupten Veränderungen kommt, senden Systeme oft Frühwarnsignale. Seen brauchen länger, um nach der Algenblüte wieder klar zu werden, Weidelandschaften zeigen ausgedehnte kahle Stellen auf, und bei den Fischpopulationen sind ausgeprägtere Boom-Bust-Zyklen zu beobachten. Unternehmen zeigen ähnliche Muster: Grössere Produktionsschwankungen, eine langsamere Erholung von Schocks und ein anhaltender Anstieg der Mitarbeiterfluktuation können allesamt Anzeichen für eine schwindende Resilienz sein. Anlagen, die nach jeder Störung länger brauchen, um wiederhergestellt zu werden, nähern sich möglicherweise einem Kipp-Punkt.
Bewertung der organisatorischen Agilität: Resilienz hängt von den Menschen und der Governance ab. Unternehmen, die lernen, zu experimentieren und sich umzustellen, können Ressourcen umverteilen und ihre Strategie anpassen, wenn sich die Bedingungen ändern. Diejenigen, die in starren Routinen verhaftet sind, können zwar kurzfristig Gewinne erzielen, aber ihre Bilanzen halten neuartigen Turbulenzen oft nicht stand.
Bewertung des Umgangs mit der Natur: Jedes Unternehmen nutzt Naturkapital – Wasserbecken, Böden, Wälder, Bestäuber. Einige Unternehmen betrachten diese natürlichen Ressourcen als Vermögenswerte, die an Wert verlieren, beuten sie aus und erhöhen dadurch sowohl physische Risiken (wie Versorgungsunterbrechungen) als auch Übergangsrisiken (wie regulatorische Strafen oder Reputationsverlust). Andere investieren aktiv in ihre ökologischen Grundlagen, senken Risiken und erkennen gleichzeitig neue Chancen. Die langfristige finanzielle Leistung einer Investition wird zunehmend davon abhängen, ob die Naturkapitalbasis gesichert oder ausgehöhlt wird.
Diejenigen, für die Resilienz keine Worthülse ist, sondern eine Disziplin für Unternehmensführung und Investitionsentscheidungen, werden nicht nur das kommende Jahrzehnt mit dem einen oder anderen Schock überstehen, sondern auch dazu beitragen, ein zukunftsfähiges Fundament zu schaffen.
Das Resilienzgebot
Der ökologische Fussabdruck der Menschheit ist in den letzten 200 Jahren enorm schnell gewachsen, da die technologische Entwicklung den Planeten erfolgreich verändert hat, um den wachsenden Anforderungen der Bevölkerung gerecht zu werden.
Heute ist jedoch klar, dass die Errungenschaften dieses Fortschritts auf Kosten der Natur gehen.
Allerdings kann uns dieselbe Innovationskraft, die uns in das heutige Dilemma geführt hat, auch wieder herausführen – sofern sie auf Lösungen ausgerichtet wird, die das menschliche Wohlbefinden verbessern und gleichzeitig die Ökosysteme stärken, die die Grundlage der Wirtschaft bilden.
Und hier kommt das Resilienzdenken ins Spiel, das Innovation fördert.
Es gibt bereits Beispiele für innovative Resilienzlösungen: regenerative Landwirtschaft, die die Bodenfruchtbarkeit verbessert, die Abhängigkeit von teuren Betriebsmitteln verringert und gesündere Nahrungsmittel erzeugt; urbane grüne Infrastruktur, die die Städte kühlt, Überschwemmungen verhindert, Räume schafft, in denen Menschen mit der Natur in Kontakt treten können, und gleichzeitig den Wert der umliegenden Gebäude steigert; Solaranlagen, die die Lebensräume der Bestäuber verbessern, die Nahrungsmittelproduktion und die biologische Vielfalt erhalten und saubere Energie erzeugen; die Wiederherstellung von Mangrovenwäldern und Feuchtgebieten, die die Küsten vor Stürmen schützen, die Fischerei unterstützen und zur Kohlenstoffspeicherung beitragen; und neuartige Wasserspeicherbecken, die sauberes Wasser für die Städte vorhalten, was der nachhaltigen Landbewirtschaftung zugute kommt und gleichzeitig der Wiederauffüllung der Grundwasserleiter dient.
Resilienzdenken kann Investitionen lenken, Risiken reduzieren, neue Einnahmequellen erschliessen und die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Grundlagen für eine langfristige Portfolioperformance stärken.
Diejenigen, für die Resilienz keine Worthülse ist, sondern eine Disziplin für Unternehmensführung und Investitionsentscheidungen – und die Signale beobachten, Kapital umverteilen und Strategien im Zuge veränderter Bedingungen anpassen –, werden nicht nur das kommende Jahrzehnt mit dem einen oder anderen Schock überstehen, sondern auch dazu beitragen, ein zukunftsfähiges Fundament zu schaffen.